Ganz ohne Kettensäge
Das Freihandelsabkommen mit Indien könnte Zölle und Bürokratie abbauen – und das, ohne dass Menschen um ihre Existenz fürchten müssen VON DMITRI SCHUSTER
27.01.2026: Ein historischer Moment, der ganz still ist. Neu-Delhi: Fernab von Davos, wo Trumps Rede beim Weltwirtschaftsgipfel keine Woche zuvor die Welt den Atem vor Sorge anhalten ließ. Fernab von Minneapolis, wo nur zwei Tage zuvor ein amerikanischer Staatsbürger von ICE-Beamten erschossen wurde. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, Ratspräsident António Costa und Indiens Premierminister Narendra Modi paraphieren ein Handelsabkommen, das eine Freihandelszone von knapp zwei Milliarden Menschen schaffen soll. Wenn alles gut geht, so wäre das der größte Deal in der Geschichte der Europäischen Union. Von der Leyen sagt dazu: „Die EU und Indien schreiben heute Geschichte und vertiefen die Partnerschaft zwischen den größten Demokratien der Welt.“
Klar: Das Abkommen befindet sich noch in den Kinderschuhen. Modi etwa schätzt, dass es gut ein Jahr dauern wird, bis der Vertrag in Kraft tritt. Das liegt an den typischen bürokratischen Hürden: In Europa muss der Text in alle 24 Landessprachen übersetzt werden, alles muss rechtlich genauestens überprüft werden und erst dann wird dasselbe EU-Parlament, das das Mercours-Abkommen verzögert hat, über das Freihandelsabkommen abstimmen müssen, das eine qualifizierte Mehrheit benötigt, um angenommen zu werden. Dann kann man endlich Details ausarbeiten und umsetzen. Dafür gibt es dennoch durchaus Grund für vorsichtigen Optimismus. Schließlich steht Frankreich, das sich besonders prominent gegen das Mercours-Abkommen gewehrt hatte, diesmal an der Seite der Befürworter. Das liegt zweifelsohne vor allem daran, dass die europäische Landwirtschaft vom Freihandelsabkommen nicht betroffen wäre, wohingegen sie bei Mercours nicht ganz unberechtigt befürchten musste, von der lateinamerikanischen abgelöst zu werden, die viel lockere Qualitätsregelungen hat als die europäische und somit deutlich kostengünstiger produzieren kann.
Solche bitteren Beigeschmäcke gibt es bei dem neuen Deal nicht. Er zielt in erster Linie darauf ab, bürokratische Hürden abzubauen und Zölle auf 96 Prozent der Güter zu reduzieren oder ganz entfallen zu lassen: Indien soll zukünftig günstig europäische Fahrzeuge und Lebensmittel importieren können, dafür wird der Zugang zu indischer Elektronik, Textilien und Chemikalien für den europäischen Markt erleichtert. Vor allem im Hinblick auf Medikamente wäre das für Europa extrem hilfreich: Indien wird immer wieder als „Apotheke der Welt“ bezeichnet, weil der Marktanteil indischer Chemikalien bei 20 Prozent der globalen Produktion liegt. Und auch die Technologie und Elektronik befindet sich derzeit auf dem Vormarsch – wie die ganze indische Industrie. Es wird erwartet, dass Indien noch in diesem Jahr zur viertgrößten Volkswirtschaft heranwächst. Ein guter Zeitpunkt für Europa, um eine so groß angelegte Handelspartnerschaft abzuschließen. Schließlich wird die Weltwirtschaft gerade regelmäßig von Trumps Strafzöllen erschüttert. Insbesondere Indien wird immer wieder vom US-amerikanischen Präsidenten wirtschaftlich attackiert. Sowohl bei Indien als auch bei Europa kann man jetzt wohl von einer geostrategischen Neuausrichtung fort von den USA sprechen: Ein Faktor, der Europa als Partner auf der internationalen Bühne attraktiver macht. Dafür muss es sich nur geschickt anstellen, um nicht im Kampf der Großmächte unter die Räder zu geraten und sich sowohl den Staaten gegenüber als auch in Bezug auf die asiatischen Länder geschickt verhalten, wenn es die angespannte wirtschaftliche Situation überwinden möchte. Das Freihandelsabkommen jedenfalls ist ein Schritt in die richtige Richtung.
Dennoch gibt es durchaus Gegner des geplanten Vertrages: Neben den offensichtlichen weltanschaulichen und ideologischen Gründen, weshalb man nicht mit Indien zusammenarbeiten sollte, die zwar ganz richtig sind, aber ignorieren, dass Außenpolitik stets auf die Suche nach dem kleinsten Übel ausgerichtet ist, wird immer wieder betont, dass das Meiste, was Indien im großen Stil in die EU exportiert, industrielle Waren sind. Das heißt, dass vor allem die europäische Wirtschaft von der Freihandelszone profitieren könnte: EU-Unternehmen würden demnach bis zu vier Milliarden Euro an Zöllen sparen. Was davon beim Verbraucher landet, ist unklar. Schaden aber wird es dem Verbraucher in keinem Fall und der europäischen Wirtschaft ein Aufatmen zu gönnen, ist erst mal nicht falsch. Aber eigentlich ist es sogar sehr wahrscheinlich, dass auch der Konsument mit Entlastungen rechnen kann. Das begründet Dr. Samina Sultan vom Institut der deutschen Wirtschaft so: „Es ist eine generelle Erfahrung der Globalisierung, dass durch offene Märkte die Produktivität steigt und ein größerer Wettbewerb entsteht.“ Allein dadurch könnten Preise sinken, selbst wenn die Zollersparnisse nicht direkt auf die Verbraucher weitergeleitet werden. Wie groß die Entlastung für den Markt und den einzelnen Menschen tatsächlich sein wird, kann nur die Zeit zeigen. Aber dass das Freihandelsabkommen richtungsweisend für ein wirtschaftlich starkes und von den USA unabhängiges Europa ist, kann man nicht leugnen. Und damit muss man es erst einmal als das akzeptieren, was es ist: eine der wenigen guten Nachrichten.
