Schließung der Notfallambulanzen – Problem und Warnung
Bis November 2025 wurden 18 Notfallpraxen, die häufig auch Bereitschaftspraxen genannt werden, in Baden-Württemberg geschlossen. Diese Veränderung wurde von der Bevölkerung sowie von der Politik mit Sorge und Widerstand aufgenommen. Sollten Patientinnen oder Patienten nun außerhalb der Öffnungszeiten der hausärztlichen Praxis einen Arztbesuch benötigen, bestehen für viele längere Anfahrtswege.
Dabei wird zusätzlich befürchtet, dass die selbstständige Vorstellung in einer Notaufnahme oder die Alarmierung des Rettungsdienstes einer weiten Fahrt zu einer Notfallpraxis vorgezogen wird. Hier muss auch erwähnt werden, dass weite Strecken von bestimmten Patientengruppen gerade im Krankheitszustand nur schwer selbstständig bewältigt werden können. Die Notaufnahmen und der Rettungsdienst verzeichnen bereits jetzt eine hohe Zahl an Versorgungen, die keine dringliche Behandlung benötigen. In diesen Fällen ist häufig eine hausärztliche Versorgung über eine Notfallpraxis ausreichend. Für die „echten“ Notfälle stehen somit weniger Kapazitäten zur Verfügung, und das Gesundheitssystem wird an falscher Stelle weiter belastet.
Doch warum entschließt sich die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg dennoch zu diesem Schritt? Aufgrund des Ärztemangels können laut Kassenärztlicher Vereinigung die Notfallpraxen personell nicht mehr adäquat ausgestattet werden. Durch die Schließung einzelner Notfallpraxen sollen die verbleibenden Standorte personell besser besetzt und deren Öffnungszeiten verlängert werden. Der zunehmende Ärztemangel ist jedoch schon seit Langem bekannt, ausreichende Reformen sind bislang ausgeblieben. Somit ist die Schließung der Notfallpraxen eine logische Konsequenz eines seit Jahren absehbaren Problems. Es wäre dabei zu einfach, die Schuld allein der Kassenärztlichen Vereinigung zuzuschreiben. Denn sowohl die SPD Baden-Württemberg als auch die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KVBW fordern einen gesetzlichen Rahmen für die Akut- und Notfallversorgung.
Diese Reform ist dringend notwendig. Denn die medizinische Versorgung, insbesondere im ambulanten Bereich, wird zunehmend kritisch, wie die Schließung der Notfallpraxen verdeutlicht. Der derzeitige Ärztemangel wird sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen, da viele Ärztinnen und Ärzte der Babyboomer-Generation in den Ruhestand gehen. Gleichzeitig steigt der Bedarf an medizinischer Versorgung durch eine zunehmende Zahl von Patientinnen und Patienten. Dies ist zum einen auf die alternde Bevölkerung zurückzuführen, zum anderen auf eine generell hohe Krankheitslast, bei der fehlende Präventionsmaßnahmen eine wichtige Rolle spielen.
Angesichts dieser Entwicklung muss berücksichtigt werden, dass in Deutschland lediglich ein indirekter Ärztemangel besteht. Im internationalen Vergleich zeigt sich kein Mangel an Ärztinnen und Ärzten pro Einwohner. Neben dem steigenden Versorgungsbedarf verschärft jedoch ein weiteres Problem die Situation: In Deutschland müssen nahezu alle medizinischen Entscheidungen von Ärztinnen oder Ärzten getroffen werden. In vielen anderen Ländern dürfen beispielsweise Pflegefachkräfte mit entsprechender Ausbildung bestimmte Tätigkeiten selbstständig ausführen. Dies würde in Deutschland nicht nur Ärztinnen und Ärzte entlasten, sondern auch die nicht-ärztlichen Gesundheitsberufe aufwerten. Pflegefachkräfte und Medizinische Fachangestellte mit entsprechenden Fort- und Weiterbildungen, wie etwa VERAH oder Wundexperten, können die fachliche Versorgung bestimmter Krankheitsbilder selbstständig übernehmen. Zusätzlich bieten sich Physician Assistants als relativ neues Berufsbild in Deutschland an, um im Rahmen der Delegation die Patientenversorgung zu unterstützen. International hat sich dieses Modell bereits in vielen Ländern bewährt. Baden-Württemberg nimmt mit dem HÄPPI-Projekt des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands eine Vorreiterrolle bei der Delegation ärztlicher Tätigkeiten ein.
Die aktuelle Fehlverteilung belastet die Notfallversorgung zunehmend. Aufgrund des Pflege- und Ärztemangels in Notaufnahmen wird die Arbeitsbelastung durch unnötige Behandlungen weiter erhöht und führt zu wachsender Unzufriedenheit bei den wartenden Personen. Eine Reform der Akut- und Notfallversorgung soll hier grundlegende Strukturen schaffen, damit erkrankte Menschen an der richtigen Stelle behandelt werden und wichtige Notfallstrukturen entlastet werden können.
Für eine Wiederinbetriebnahme der geschlossenen Notfallpraxen besteht ohne grundlegende Reformen nur eine geringe Chance. Was es nun braucht, sind strukturelle Veränderungen in der medizinischen Versorgung, insbesondere in der Akut- und Notfallversorgung sowie in der Prävention.
