Wirtschafts-Professor Steffen Reik im Interview: „Wirtschaft ist kein Selbstzweck, sie muss den Menschen dienen“
Am 08.03.2026 wird in Baden-Württemberg ein neuer Landtag gewählt. Diese Wahl wäre so nicht möglich, wenn es nicht in jedem Wahlkreis Bürger gäbe, die sich politisch engagieren und zur Wahl aufstellen lassen. Einer von ihnen ist Steffen Reik. Er ist Professor für Wirtschaft in Ulm tritt dort als Landtagskandidat für die SPD an. Warum sich die SPD in Sachen Wirtschaftskompetenz nicht verstecken muss und warum echte Verbesserungen nicht durch Frontalopposition erreicht werden, das erzählte er dem Kontra im Interview.
Kontra: „Warum hast Du Dich dazu entschieden, Dich politisch zu engagieren?“
Steffen Reik: „Meine Generation hatte das Glück, in Frieden, Freiheit und Wohlstand aufzuwachsen. Das ist für uns inzwischen selbstverständlich geworden, es ist aber bei weitem keine Selbstverständlichkeit. Sondern diese hohe Lebensqualität ist nur möglich, weil sich in der Vergangenheit viele Menschen dafür eingesetzt haben und es auch weiterhin Menschen gibt, die sich für die Gesellschaft engagieren. Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, diese hohe Lebensqualität zu bewahren und weiter voranzubringen.“
Kontra: „Und warum in der SPD?“
Steffen Reik: „Ich bin 2001 in die SPD eingetreten, weil die SPD die Partei ist, die für alle Menschen da ist. Zudem sind die Grundwerte der SPD, Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität genau die Werte, die ich in unserer Gesellschaft sehen möchte. Ich bin stolz, mich in einer Partei zu engagieren, in der seit über 160 Jahren Menschen zusammenfinden, um für diese Werte zu kämpfen, weil sie die Welt besser machen möchten.“
Kontra: „Jetzt engagierst Du Dich im Wahlkampf für den Landtag. Wieso?“
Steffen Reik: „Wir brauchen in Baden-Württemberg mehr sozialdemokratische Politik, mehr soziale Gerechtigkeit. Es gibt einfach zu viele Fehlentwicklungen. Unserer Industrie geht es gerade nicht gut, Arbeitsplätze werden abgebaut. Das trifft die Menschen und gefährdet unseren Wohlstand. Zusätzlich haben wir beim Thema Bildung veraltete Strukturen, sodass die Bildungschancen immer noch viel zu sehr vom Geldbeutel des Elternhauses abhängen und wir das Potenzial unserer Gesellschaft nicht optimal nutzen. Auch die Mieten in Baden-Württemberg sind zu hoch und es fehlt an bezahlbarem Wohnraum. Und zusätzlich finde ich auch, dass sich unsere Gesellschaft gerade auf einem kritischen Weg befindet.“
Kontra: „Spielst du damit auf die AfD an?“
Steffen Reik: „Die Zustimmungsraten der AfD sind leider ein Ergebnis dieser Entwicklung. Das politische Klima wird leider auch weltweit und in Europa polarisierter und radikaler. Weltweit ist rechtsextremes Gedankengut auf dem Vormarsch. Dieser Gefahr müssen wir auf allen Ebenen entgegentreten.“
Kontra: „Kannst Du eine konkrete Maßnahme nennen, die Du Dir wünschen würdest, um dagegen vorzugehen?“
Steffen Reik: „Es handelt sich um ein sehr grundlegendes Problem, aber die sozialen Medien spielen meiner Meinung nach bei dieser Entwicklung eine wichtige Rolle. Einerseits, weil sie durch ihre Algorithmen eine Polarisierung fördern und andererseits, weil sie dazu führen, dass man immer in den eigenen Echokammern festsitzt. Wir brauchen dringend eine europäische Regulierung und Transparenz zum Beispiel zur Offenlegung von Algorithmen.“
Kontra: „Du bist Professor für Wirtschaft, hast schon einmal ein Unternehmen geführt und ein Start Up mitbegründet. Wärst du dann in der FDP nicht besser aufgehoben als in der SPD?“
Steffen Reik: „Eben genau nicht! Wir haben als SPD ein ganzheitliches Verständnis von Wirtschaft und müssen uns mit dieser Kompetenz nicht verstecken. Unsere Unternehmen sind dann am erfolgreichsten, wenn Arbeitnehmer und Arbeitgeber zufrieden sind. Wirtschaft ist kein Selbstzweck, sie muss den Menschen dienen.“
Kontra: „Was meinst Du mit ‚Wirtschaft ist kein Selbstzweck‘?“
Steffen Reik: „Unser Wirtschaftssystem dient dazu, aus knappen Ressourcen das Optimale für die Gesellschaft zu machen. Unsere soziale Marktwirtschaft ist dafür aus meiner Sicht der optimale Rahmen, denn sie erlaubt, auch über beispielsweise eine Gewinnmaximierung bei engen politischen und sozialen Rahmenbedingungen, effizientes und wohlstandsförderndes Wirtschaften.“
Kontra: „Wie bewertest Du den Aufstieg der Partei ‚Die Linke‘ in Baden-Württemberg?“
Steffen Reik: „Die SPD vertritt viele Positionen der Linken schon sehr lange. Wer aber jetzt Die Linke wählt, wählt damit eine sichere Opposition ohne Chance darauf, dass Themen wie beispielsweise gebührenfreie Kindergärten in die Regierung und einen Koalitionsvertrag eingebracht werden. Am Ende funktioniert unsere Politik durch Kompromisse und Regierungsbeteiligung. Mit einer Stimme für die SPD werden mehr soziale Themen erreicht als mit einer Stimme für Die Linke.“
Kontra: „Kannst Du hier ein konkretes Beispiel nennen?“
Steffen Reik: „Die SPD hat beispielsweise den sehr wichtigen Mindestlohn in einer Koalition mit der CDU/CSU erkämpft. Über Kompromisse und gegen Widerstände. Die Linke hat nichts dazu beigetragen. Jungen Menschen, mit denen ich spreche, sind diese Zusammenhänge oft gar nicht bewusst.“
Kontra: „Man könnte hier als Gegenargument einbringen, dass Die Linke ja noch nie Regierungsverantwortung innehatte.“
Steffen Reik: „Nur mit einer Mitte-Links-Mehrheit aus SPD, Grünen und Linke könnte Die Linke jemals regieren. Dazu brauchen wir Die Linke aber gar nicht. So etwas wie der Mindestlohn ist da das beste Beispiel. Um soziale Themen in die Politik einzubringen, müssen wir auf Kompromisse setzen. Frontalopposition bringt uns da nicht weiter.“
Kontra: „Vielen Dank, dass Du uns heute an deinen Standpunkten hast teilhaben lassen. Wir wünschen Dir viel Erfolg bei der kommenden Landtagswahl!“
Steffen Reik: „Vielen Dank für das Interview und toll, dass Ihr Euch engagiert!“