Das Drama um Hormus

Veröffentlicht von KONTRA Redaktion am

von Julius Keller, Kontra, Jusos Baden-Württemberg

„Mein Strom hängt nicht in der Straße von Hormus fest“ ist ein Satz, den man in letzter Zeit häufiger von Mitmenschen mit E-Auto oder Wärmepumpe hört. Und auch wenn ein gewisser „Ich habe es dir doch gesagt“-Unterton mitschwingt, ist die Aussage wahr. Unser aller Diesel, Heizöl und Flüssiggas sitzen im Persischen Golf fest und treiben die Preise am Weltmarkt in schwindelerregende Höhen.

Aber auf Anfang: Was treibt die Ölpreise so stark an, und was hat das mit der Straße von Hormus und schlussendlich den regenerativen Energien zu tun?
Nun, die Straße von Hormus ist eine 25 km breite Meerenge an der Mündung des Persischen Golfs in den Indischen Ozean, und durch sie laufen ca. 20 % des weltweiten Bedarfs an Öl und Flüssiggas. Außerdem verkehren ca. 1/3 des weltweiten Düngemittelhandels durch sie, denn Düngemittel werden aus den Nebenprodukten der Flüssiggasindustrie hergestellt. In Friedenszeiten ist es kein Problem, dass durch ein solches Nadelöhr ein derart großer Anteil an elementaren Produkten für unsere Zivilisation läuft. Aktuell herrscht in der Region um den Persischen Golf aber kein Frieden, und die Durchfahrt durch die Meerenge ist bedroht.

Israel und die USA haben am 28.2.2026 einen Überraschungsangriff auf den Iran durchgeführt. In einem Enthauptungsschlag wurden fast alle hochrangigen Vertreter des Regimes, Ayatollah Khamenei eingeschlossen, und ihre Stellvertreter und in manchen Fällen sogar deren Stellvertreter getötet. Außerdem wurden weitere militärische, aber auch zivile Ziele getroffen, um dem Regime nachhaltigen Schaden zuzufügen und es zu stürzen. Ein besonders tragischer Angriff ereignete sich, als eine Mädchenschule im Südiran von einer amerikanischen Rakete getroffen wurde und über 150 Mädchen starben. Dies stellte sich später als irrtümlicher Beschuss heraus, da die Schule früher einmal Teil der angrenzenden Marinebasis der Stadt war. Amerika hat bislang öffentlich kein Schuldeingeständnis verlauten lassen. Aber selbst ein solches würde die toten Kinder nicht wieder zum Leben erwecken.

Endziel war es scheinbar von Seiten der USA, durch die Angriffe das Regime zu schwächen und entweder einen prowestlichen Führer innerhalb des bestehenden Regimes zu installieren, um eine Kontrolle des Irans durch die USA zu ermöglichen, wie es bereits in Venezuela zu Beginn des Jahres getan wurde. Oder die Bevölkerung zu einem erneuten Aufstand zu bewegen, um so das Regime ein für alle Mal zu stürzen und durch eine prowestliche „Demokratie“ zu ersetzen.

Das iranische Regime gab sich jedoch nicht kampflos geschlagen und übte Vergeltung für die Schläge auf seine politischen bzw. geistlichen Führer und Infrastruktur. Dabei wurden US-Militärbasen in der Region getroffen, aber auch Raffinerien, Terminals und Tanker für Öl und Gas. Letztere waren Vergeltung für israelische Luftschläge auf ein iranisches Gasfeld und Öllager nahe der Hauptstadt Teheran. Außerdem verkündete der Iran bereits kurz nach den ersten Schlägen, dass die Straße von Hormus auf unbestimmte Zeit gesperrt sei und man sämtliche Tanker, welche die Blockade durchbrechen wollen, angreifen und versenken werde. Und es sind eben diese Angriffe, welche auf die Energieinfrastruktur zielen, die Schockwellen durch die globalen Märkte schicken und die Öl- und Gaspreise sprunghaft ansteigen ließen und lassen. Denn die globalen Öl- und Gasmärkte sind fein austariert zwischen Angebot und Nachfrage. Bereits das Fehlen einiger weniger Prozente an Angebot kann die Preise stark ansteigen lassen. Die nun fehlenden 20 % der weltweiten Produktion haben also zu einer mittlerweile mehr als Verdopplung des globalen Rohölpreises geführt (Stand: 29.3.2026). Denn das Öl aus dem Golf fließt zwar größtenteils nach Asien, aber die nun fehlenden Kapazitäten versucht man nun auf dem amerikanischen und europäischen Markt zuzukaufen, um den asiatischen Bedarf zu decken. Dieses Ungleichgewicht zwischen stockendem Angebot und starker Nachfrage nach dem verbleibenden Öl erzeugt die an der Tankstelle zu sehenden Preissprünge.

Dies ist allerdings nicht das erste Mal, dass ein Krieg im Nahen Osten auf der ganzen Welt zu einer Energiekrise führt. 1973 führte eine 5%ige Förderdrosselung der OPEC-Länder zu großen Problemen für die Weltwirtschaft, als Strafe für den Westen, welcher im Jom-Kippur-Krieg Israel unterstützte. Damals stieg der Ölpreis inflationsbereinigt auf ca. 100 $ pro Barrel Öl.
1979/80 führte der Erste Golfkrieg, der Angriff des Iraks auf den Iran, erneut zu einem Preisschock, aber auch zu einem Umdenken in manchen Ländern der Welt. So begann Dänemark seine Wärmewende, weg von fossilen und im Preis sehr volatilen Brennstoffen und hin zu regenerativen und preisstabileren Energien.

Seither führten immer wieder Krisen in der Golfregion oder in anderen erdölfördernden Ländern zu Preisschocks und starken Belastungen der Wirtschaft, da alles irgendwie mit Öl zusammenhängt, sei es lediglich der Transport oder auch die Produktion.

Es stellt sich also die Frage, warum nie nach alternativen Lösungen für den Energiehunger der heimischen Wirtschaft gesucht wurde. In den 1970er- und 1980er-Jahren lag es schlicht am Mangel an echten Alternativen. Regenerative Energie war noch ein Fremdwort, reserviert für Wasserkraftwerke und nicht für die breite Energieversorgung anwendbar. Seit der Jahrtausendwende gab es aber zunehmend Alternativen wie Wind- und Solarenergie, welche je nach Land mehr oder weniger gut ausgebaut wurden und in ihrer Qualität und Quantität mit jeder neuen Generation einen kleinen Quantensprung vollführten.

Nun gilt es, diese Fortschritte in den regenerativen Energien zu nutzen und ihren Ausbau in den nächsten Jahren stark voranzutreiben. Denn die hohen Preise sind hier, um zu bleiben, nicht in diesen schwindelnden Höhen, aber zumindest auf hohem Niveau. Zum Beispiel wird der Gaspreis dauerhaft durch Angriffe Irans erhöht bleiben, wie z. B. auf eine Verflüssigungsanlage in Kuwait, welche 25 % der Exportkapazität für Jahre zerstört hat. Außerdem wird die steigende CO₂-Steuer in den nächsten Jahren fossile Brennstoffe zunehmend verteuern, um sie wettbewerbsunfähig zu machen. Die hohen fossilen Brennstoffkosten werden also bleiben, mindestens für die nächsten Monate, eher aber Jahre.

Und die Gefahr, dass eine weitere Krise am Golf wieder zu explodierenden Preisen führt, wird bestehen bleiben, solange wir Öl in großem Stil benötigen. Wir sind also in unserer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Stabilität davon abhängig, dass es keinen Krieg in der aktuell instabilsten Region der Welt gibt.

Erneuerbare Energien wie Wind- und Solarstrom sind aber nicht vom Golf abhängig und würden durch einen weiteren Krieg in dieser Region kaum beeinträchtigt werden und weiterhin grünen und billigen Strom liefern.

Das eingangs erwähnte Zitat, wenn auch etwas polemisch, verdeutlicht also das Problem der Unsicherheit der fossilen Energien, die von einer wirtschaftlich tragbaren schnell zu einer unbezahlbaren Energiequelle werden können, wenn nur eine Rakete einen Tanker trifft. Strom hingegen hängt bei schnellem Ausbau der erneuerbaren Energien lediglich von Wind und Sonne ab, welche vorhersehbarer sind als jeder Despot im Weißen Haus oder am Persischen Golf.