Queere Menschen in Deutschland: Sichtbar und im Visier

Veröffentlicht von KONTRA Redaktion am

von Levin Rüppell, Kontra, Jusos Baden-Württemberg

Es war ein sonniger, normaler Nachmittag im Sommer 2025. Ich war mit meinem damaligen Freund im Ort unterwegs. Wir haben geredet, gelacht und hatten eine gute Zeit. Bis hinter uns von Fremden dieser Kommentar kam. Erst ein kurzes Würgen, dann zwei Worte: „Huh. Schwul.“

Keine Fäuste, keine direkte Bedrohung und kein Angriff, nur ein Geräusch und ein Wort. Und trotzdem hat sich in diesem Moment viel geändert. Man schaut plötzlich, ob noch jemand etwas gehört hat. Man geht ein Stück auseinander, ohne es bewusst zu wollen. Es nimmt dir das Gefühl, einfach da sein zu dürfen. Es entmenschlicht dich. Dieses Gefühl sollte absolut nicht normal sein, aber es ist kein Einzelfall und die Zahlen zeigen es.

Die Lage ist ernster als man es vermutet

Die Statistik des Bundeskriminalamts dokumentiert für das Jahr 2024 mit 84.172 politisch motivierten Straftaten einen neuen Höchststand, ein extrem rasanter Anstieg von über 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Davon richteten sich 1.765 Straftaten aufgrund der sexuellen Orientierung der Opfer gegen queere Menschen, ein Anstieg von fast 18 Prozent. Bei Straftaten aufgrund geschlechtsbezogener Diversität betrug die Zunahme sogar rund 35 Prozent (BKA). Und das sind nur die gemeldeten/bekannten Fälle. Einige Fachstellen gehen von einer Dunkelziffer von 80 bis 90 Prozent aus, weil viele Betroffene keine Anzeige bei der Polizei erstatten – aus Scham, aus Misstrauen oder weil ein queerfeindliches Tatmotiv oft kaum nachzuweisen ist.

Wer hofft, dass sich diese Entwicklung in dem Jahr 2025 von selbst beruhigt hat, irrt sich. Vorläufige Zahlen des Innenministeriums zeigen für 2025 bereits 1.776 erfasste Taten im Bereich „sexuelle Orientierung“ und 1.132 im Bereich „geschlechtsbezogene Diversität“, in etwa auf dem Niveau des Rekordjahres 2024, mit möglichen Nachmeldungen noch nicht eingerechnet (Queer.de). Zudem stiegen laut dem Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter Gewalt die rechtsmotivierten, queerfeindlichen Straftaten um rund 40 Prozent, ein Wert, der in der offiziellen BKA-Statistik noch nicht einmal vollständig gezeigt wird (LSVD).

Gewalt folgt dem Diskurs

Queerfeindliche Gewalt wächst dort, wo Hass schrittweise normalisiert und auch legitimiert wird. In Parlamentsreden, in Wahlkampfrhetorik, in Kommentarspalten, die von Politiker*innen befeuert werden.  Wenn Transpersonen in fast jedem Wahlkampf als „gesellschaftliche Bedrohung“ inszeniert werden und das Selbstbestimmungsgesetz als Gefahr für Kinder geframt wird, dann gibt das rechten Gewalttäter*innen das Gefühl, mit der Gesellschaft im Einklang zu handeln und das richtige zu tun. Diskurs und Gewalt sind keine getrennten Phänomene. Sie unterstützen sich gegenseitig.

Der Koalitionsvertrag: Der Spiegel des Versagens

Und dann ist da die SPD. Unsere eigene Partei. Die Partei, die immer wieder erklärt, ein Zurück werde es nicht geben, auch bei Queerrechten.

Was davon ist im Koalitionsvertrag mit CDU/CSU übrig geblieben? Die Grünen-Abgeordnete Marlene Schönberger sagte es im Bundestag: Es brauche eine Erweiterung von Artikel 3 Absatz 3 des Grundgesetzes eine genauere Erfassung queerfeindlicher Straftaten, sowie LSBTIQ-Ansprechpartner*innen bei der Polizei (Queer.de). All das fehlt im Koalitionsvertrag. Die Erweiterung des Grundgesetzes zum Schutz sexueller Identität: gestrichen! Eine Reform des Abstammungsrechts für queere Familien: nicht erwähnt! Der Aktionsplan „Queer Leben“: abgeschlossen!

Das Selbstbestimmungsgesetz soll zwar noch formal bestehen bleiben. Jedoch bleibt die Ablehnung von transsexualität und es wird sich nach wie vor an dem Dogma bedient, dass Tanspersonen unsere Kinder „woke machen und selbst transsexuell“. Es ist die rhetorische Vorlage derjenigen, die Transrechte seit Jahren systematisch ablehnen.

Das Bundesinnenministerium verlor bei der Vorstellung der Rekordzahlen zu politisch motivieren Straftaten kein einziges Wort zur verschärften Bedrohungslage für LSBTIQ*.  Das ist kein einfaches Vergessen, sondern eine Entscheidung, zu relativieren und zu stigmatisieren.

Schweigen ist keine Neutralität

Es wäre eine andere Sache, wenn die SPD in den Verhandlungen gekämpft und verloren hätte. Verlieren gehört nun mal zur Politik. Was stattdessen passiert, ist etwas anderes: Die SPD-Fraktion stimmt im Bundestag gemeinsam mit der Union und AfD-Fraktion gegen Anträge, die Schutzmaßnahmen für queere Menschen fordern. Gemeinsam mit der AfD!

Wir reden in dieser Partei viel über Haltung, über Würde, über sozialdemokratische Werte. Aber Haltung zeigt sich eben nicht nur im Wahlprogramm, sie zeigt sich darin, was man tut, wenn es unbequem und schwierig wird.

Ich kenne das Gefühl, unsichtbar und nicht man selbst sein zu wollen. Manche queere Jugendliche gehen noch einen Schritt weiter. Queere Jugendliche haben ein bis zu sechsfach höheres Risiko, einen Suizidversuch zu unternehmen, nicht weil sie schwächer sind, sondern weil eine Gesellschaft, die sie täglich mit Verachtung konfrontiert, sie müde macht, verzweifelt und resigiert.

Wer trotz all dem schweigt und es hinnimmt, hat eine Entscheidung getroffen. Er/Sie nennt sie nur nicht beim Namen.