Wenn die Männer auf den Rollern kommen …

Veröffentlicht von KONTRA Redaktion am

Zehntausende Tote? 3.000 Tote? 25.000 Tote? Mehr als 6.000 Tote? 16.000 Tote? Über 30.000 Tote? – Das ist das makabre Nummernspiel, dem man ausgesetzt wird, wenn man versucht, sich über die Proteste im Iran zu informieren. Es ist ganz grundsätzlich schwierig, den Überblick über die Geschehnisse im Nahen Osten zu behalten. In den ersten Wochen des neuen Jahres demonstrieren Iraner zu Hundertausenden gegen die Islamische Republik, die das Land regiert. Auslöser für die Proteste ist vor allem die anhaltende Wirtschaftskrise. Längst schon geht es den Demonstranten aber nicht mehr nur darum. Sie protestieren ganz allgemein gegen das iranische Regime. Mittlerweile ist es eher still um die Entwicklungen vor Ort geworden. Wie viele Menschen genau demonstrierten? Und wie viele Menschen bei den Protesten umgebracht oder verletzt worden sind? Schwer zu sagen. Die Opferzahlen variieren je nach Bericht. Laut der iranischen Regierung gebe es 5.000 tote Demonstranten (Stand 04.02.2026). Dieser Angabe kann man selbstverständlich nicht trauen. Was allerdings fehlt, sind zuverlässige Gegeninformationen. Kein Wunder: Der Iran ist dafür bekannt, eines der Länder mit den schlechtesten Bedingungen für Journalisten zu sein. Auf der Rangliste der Pressefreiheit der Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen erreicht der Iran den Platz 176 von 180. Nicht gerade ein Ranking, auf das man stolz sein kann. Außerdem war das Internet im Iran abgekappt, sodass keine oder kaum Informationen über die Proteste nach außen dringen konnten. Menschenrechtsorganisationen oder Zeitungen wie etwa die Sunday Times, denen es trotz dieser widrigen Umstände gelungen ist, Schätzungen anzustellen, gehen von mehreren Hundertausend Verletzten und über Zehntausend umgebrachten Demonstranten aus. Umgebracht von Männern auf Rollern. Einer lenkt, ein zweiter sitzt hinten, hält ein Gewehr im Anschlag, schießt. Bei diesen Männern handelt es sich um die Basidsch-Miliz. Eine paramilitärische Garde, die überall dort auftaucht, wo das Regime Unruhen vermutet. Die Miliz wurde nach der Islamischen Revolution 1979 gegründet, seit 1981 ist sie der Revolutionsgarde, also der Armee der Islamischen Republik, unterstellt, die mittlerweile von den EU-Außenministern auf die Terrorliste gesetzt wurde.

19.08.1953: Der iranische Ministerpräsident Mohammed Mossadegh wird gestürzt. Unter anderem mit Hilfe des US-amerikanischen Geheimdienstes CIA. Mossadegh kommt in Haft. Der iranische Schah, Mohammed Reza Pahlavi, übernimmt die Führung des Landes, auch mit amerikanischer Unterstützung. Formal handelt es sich jetzt um eine Monarchie, die vorerst allerdings fast liberal wirkt. Unter seiner Regierung erhalten Frauen das passive und aktive Wahlrecht, seine Reformpläne – die sogenannte Weiße Revolution – beinhalten eine ideologische Orientierung am politischen Westen. Das stößt auf Widerstand: Insbesondere die ultrareligiösen Kräfte im Land stellen sich gegen ihn. Eine Stimmung, die nicht unbedingt besser wird, als der Schah im Oktober 1971 ein ausgelassenes und dekadentes Fest anlässlich des 2500-jährigen Bestehens der iranischen Monarchie feiern lässt. Ajatollah Ruhollah Chomeini, ein Geistlicher und einer der lautstärksten Feinde Pahlavis, wird ins Exil geschickt, die nationale Presse verunglimpft ihn. Das bringt das Fass zum Überlaufen. Theologiestudenten organisieren Demonstrationen, die von der Polizei niedergeschlagen werden, es kommt immer wieder zu Streiks, Massenproteste überrollen das Regime. Zu den Demonstrierenden gehören nicht mehr nur religiöse Gruppen: Liberale und Konservative, Linke und Rechte, Säkulare und Religiöse möchten das System stürzen. Am 16.01.1979 flieht Mohammed Reza Schah ins Exil und keinen Monat später kehrt dessen Widersacher, Ajatollah Ruhollah Chomeini, aus dem Exil zurück und wird euphorisch empfangen. Er wird zum Obersten Führer des Iran und erschafft die Islamische Republik – ein System, in dem alle vier Jahre gewählt wird, in dem allerdings mit der ideologischen Nähe zum Westen massiv gebrochen wird: Die Justiz, die Schulen, die Wirtschaft und die Medien werden islamisiert, große Teile der Wirtschaft verstaatlicht. Dann, am 22.09.1980 überfällt der Irak den Iran. Der Krieg dauert acht Jahre und fordert auf beiden Seiten hunderttausende Tote. Danach befindet sich der Iran in einer lange andauernden Phase des Wiederaufbaus.

Zu massenhaften Protesten gegen die Islamische Republik kommt es seit 1999 regelmäßig, damals wegen der Schließung einer reformorientierten Zeitung – immer war es auch die paramilitärische Basidsch-Miliz, die dem Regime geholfen hat, Demonstrationen niederzuschlagen. Das nächste Mal im großen Stil demonstriert wurde 2009: Nach einer umstrittenen Präsidentschaftswahl stellen Millionen Iraner das Wahlergebnis infrage und stellen sich hinter Mir Hossain Mussavi, den Konkurrenten des damaligen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad. Auch der politische Westen geht zu großen Teilen davon aus, dass die Wahl gefälscht war. 2019 sind Benzinpreise der Auslöser für landesweite Proteste, 2022 die Ermordung einer 22-jährigen Kurdin durch Polizeigewalt. Nach dem immer gleichen Muster wurden die Proteste gewaltsam niedergeschlagen, nach dem immer gleichen Muster wird in den westlichen Medien unaufhörlich von den Protesten berichtet, solange sie anhalten, und dann, nachdem sie gewaltsam beendet worden sind, gar nicht mehr. Dabei würde es sich eigentlich gerade dann lohnen, über den Iran zu schreiben. Denn das Land ist gezeichnet von gravierender politischer und menschenrechtlicher Unfreiheit, es leidet unter Korruption und ist politisch, sozio-ökonomisch sowie ökologisch in einem dauerhaften Krisenzustand. Die Ökonomie wird dominiert durch das Militär und religiöse Stiftungen, die ihrerseits in erster Linie auf den eigenen Gewinn aus sind.

Ein Wechsel des Regimes wäre also mehr als angebracht. Doch solange das Militär hinter ihm steht, haben die Iraner keine Chance, sich aus eigener Kraft zu befreien. Die einzige Alternative: eine ,Befreiung‘ von außen, von Amerika. Dass das noch nie besonders gut funktioniert hat und auch im Iran nach dem Zweiten Weltkrieg gescheitert ist, ist evident. Zumal die ökologische Krise und die extreme Ressourcenknappheit im Iran ohnehin nicht einfach so durch einen Regimewechsel von außen in den Griff zu bekommen wäre. Dennoch drohte US-Präsident Donald Trump in den vergangenen Wochen immer wieder mit militärischem Eingreifen. Einige Kriegsschiffe hat er schon auf den Weg in die Region geschickt, mit den Worten: „Hoffentlich werden wir sie nicht benutzen müssen.“ Zum Glück sieht es im Moment tatsächlich so aus, als müssten die Staaten sie nicht benutzen. Wie Amir Akraminia, Irans Armeesprecher, angekündigt hat, würde sich ein militärischer Konflikt nicht auf einen kurzen Zeitraum begrenzen lassen, sondern sich lange über die gesamte Region ausbreiten. Auf diese Weise käme die iranische Bevölkerung vermutlich vom Regen in die Traufe. Auf den ersten Blick ist es also gut, dass Irans Präsident, Massud Peseschkian, sich den Staaten gegenüber für eine friedliche Lösung des Konflikts ausgesprochen hat. Ob es zu den angekündigten Verhandlungen zwischen den USA und Teheran – vermittelt vermutlich von Katar – kommen wird, steht allerdings noch in den Sternen. Erst gestern (Stand 04.02.) hat Trump eine angeblich aggressive iranische Drohne über dem Arabischen Meer abschießen lassen. Gleichzeitig geht der Iran ideologisch wenigstens im symbolpolitischen Bereich auf den Westen zu. Frauen dürfen dort jetzt einen Motorradführerschein machen, heißt es aus den neuesten Berichten über den Nahen Osten. Klar: Ein kleines Zeichen, vielleicht nur ein Schein- oder Bauernopfer, vielleicht aber auch ein Schritt in die richtige Richtung. Ein Schritt, mit dem das Regime perspektivisch nicht nur auf den Westen, sondern auch auf die unterdrückten Iraner zugehen könnte. Jetzt müssen weitere Schritte folgen. Denn weitere Repression wird sich die Islamische Republik nicht leisten können. Sonst könnte es bald zu amerikanischem Eingreifen oder weiteren Massenprotesten im Land kommen. Und dann würde es selbst einem militärisch so abgesicherten Regime wie dem jetzigen schwer fallen, sich zu erhalten. Dann stünde ein Regime-Wechsel im Raum. Ausgelöst von oben in Form der USA, oder: im besten Fall von unten, vom iranischen Volk.

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