Sport ist mehr als ein nackter Körper
geschrieben von Anise Hatice Avan /// Kontra, Jusos Baden-Württemberg
Sydney Sweeney sorgt mit ihrer neuen Sportwerbung für Aufmerksamkeit. Doch während die Kampagne viele Klicks erzeugt, fühlen sich zahlreiche Profisportlerinnen dadurch nicht repräsentiert. Ihre Kritik ist berechtigt: Sport sollte für Leistung stehen – nicht dafür, wie attraktiv ein weiblicher Körper aussieht.
Sport bedeutet für Profisportlerinnen jahrelanges Training, Disziplin und Verzicht. Hinter jeder Medaille stehen unzählige Stunden im Fitnessstudio, auf dem Sportplatz oder im Schwimmbecken. Trotzdem bekommen Frauen im Sport noch immer weniger Aufmerksamkeit und oft auch weniger Geld als ihre männlichen Kollegen.
Umso fragwürdiger ist es, wenn ausgerechnet der weibliche Körper genutzt wird, um Werbung für Sport und Sportwetten zu machen
Die Schauspielerin Sydney Sweeney steht im Mittelpunkt einer Kampagne der Sportwetten-Plattform Novig. Im Werbespot „Just Sports“ ist sie mit verschiedenenSportgeräten zu sehen und posiert dabei weitgehend unbekleidet. Basketball, Tennis, Baseball und andere Sportarten bilden die Kulisse.
Die Kampagne soll provozieren und genau das funktioniert. Doch gleichzeitig stellt sich die Frage: Was hat ein sexualisierter Frauenkörper mit sportlicher Leistung zu tun?
Der Körper wird zum Mittelpunkt
Natürlich darf Sydney Sweeney selbst entscheiden, wie sie sich präsentiert. Eine Frau muss sich nicht dafür rechtfertigen, wenn sie ihren Körper zeigt. Das eigentliche Problem liegt darin, wie und wofür ihr Körper eingesetzt wird.
Nicht eine Sportlerin, die jahrelang trainiert, einen Wettkampf gewinnt oder einen Rekord aufstellt, steht im Mittelpunkt. Stattdessen wird der Körper einer Schauspielerin zum Blickfang einer Sportkampagne.
Genau das kritisieren auch zahlreiche Profisportlerinnen. Die australische Schwimmerin und Olympiasiegerin Ariarne Titmus sowie weitere Athletinnen wie Tilly Kearns und Gracie Kramer reagierten kritisch auf die Werbung. Sie stellten Bilder aus ihrem eigenen Sportlerinnenleben dagegen – beim Training, im Wettkampf und bei körperlich anstrengender Arbeit.
Damit zeigen sie einen entscheidenden Unterschied:
Der Körper einer Profisportlerin ist nicht in erster Linie ein Schönheitsobjekt. Er ist ihr Werkzeug.
Mit diesem Körper schwimmt sie schneller, läuft einen Sprint, springt höher oder kämpft um einen Titel. Dieser Körper ist das Ergebnis jahrelanger Arbeit.
Warum ist das für Frauen besonders problematisch?
Frauen werden in der Öffentlichkeit schon lange stärker nach ihrem Aussehen beurteilt als nach ihren Leistungen. Auch Sportlerinnen kennen dieses Problem.
Hat eine Sportlerin Muskeln, wird über ihren Körper gesprochen. Sieht sie besonders feminin aus, wird ebenfalls darüber gesprochen. Und selbst wenn sie erfolgreich ist, steht manchmal zuerst ihr Aussehen im Mittelpunkt.
Männliche Sportler werden dagegen häufiger über ihre Leistung definiert.
Natürlich gibt es auch bei Männern oberflächliche Berichterstattung. Trotzdem erleben Frauen im Sport seit Jahrzehnten eine besondere Form der Sexualisierung. Gerade deshalb sollte man hinterfragen, wenn eine große Werbekampagne erneut den
weiblichen Körper zum Blickfang macht, während die eigentliche sportliche Leistung in den Hintergrund rückt.
Dabei könnte Sport genau das Gegenteil zeigen. Athletinnen beweisen jeden Tag, was ein leistungsfähiger Körper leisten kann. Sie sind stark, schnell, ausdauernd und diszipliniert. Muskeln, Schweiß, Narben und sichtbare Anstrengung sind keine Schwächen, sie sind Teil ihrer Leistung.
Aufmerksamkeit ist nicht automatisch Fortschritt
Befürworter der Kampagne könnten sagen, dass Werbung Aufmerksamkeit erzeugen muss. Sydney Sweeney ist prominent, die Bilder sind provokant und die Diskussion sorgt für Reichweite. Aus Marketingsicht funktioniert die Kampagne also.
Doch Reichweite allein macht eine Botschaft noch nicht gut.
Werbung beeinflusst, welche Bilder wir mit bestimmten Themen verbinden. Wenn Sport immer wieder mit einem bestimmten Ideal weiblicher Schönheit verbunden wird, entsteht der Eindruck, Frauen müssten auch im Sport vor allem attraktiv aussehen.
Das widerspricht der Realität.
Sport ist nicht perfekt und makellos. Er bedeutet Muskelkater, Schweiß, blaue Flecken, Verletzungen, Niederlagen und jahrelange Arbeit. Genau diese Seitengehören zum Sport und verdienen mehr Sichtbarkeit.
Dabei geht es nicht darum, Frauen vorzuschreiben, wie sie sich präsentieren sollen. EineSportlerin darf sexy, feminin, muskulös oder selbstbewusst sein.
Die entscheidende Frage ist vielmehr: Welche Geschichte wird über ihren Körper erzählt?
Wird er als Objekt genutzt, um Aufmerksamkeit zu erzeugen? Oder wird gezeigt, was dieser Körper leisten kann?
Die eigentlichen Vorbilder stehen auf dem Spielfeld
Vielleicht wäre deshalb ein anderer Blick auf Sportwerbung längst überfällig.
Interessant sind nicht nur die Menschen, die vor der Kamera stehen. Interessant sind die Frauen, die morgens vor Sonnenaufgang trainieren. Die nach Verletzungenzurückkommen. Die trotz Leistungsdruck weitermachen. Die jahrelang für einen einzigen Wettkampf arbeiten.
Sie verdienen Aufmerksamkeit!
Sydney Sweeney kann ihren Körper für eine Werbekampagne zeigen. Das ist ihre Entscheidung. Aber genauso dürfen Profisportlerinnen sagen, dass sie sich in diesem Bild von Sport nicht wiederfinden.
Denn Sport sollte Frauen nicht darauf reduzieren, wie attraktiv ihr Körper ist.
Sport ist Leistung. Sport ist Disziplin. Sport ist Stärke.
Der beeindruckendste weibliche Körper ist nicht der, der am meisten zeigt, sondern der, der am meisten leistet.
