Was von AOC bleibt
Ein Bericht vom AOC-Abend an der TU Berlin, im Rückblick nach der Wahl
Am 15. Februar 2026 sprach Alexandria Ocasio-Cortez im voll besetzten Audimax der TU Berlin.
Ich war dabei. AOC hat mich, wie viele im Saal, mitgerissen. Damals schrieb ich einen Artikel für
dieses Magazin, als Wahlkampfimpuls gedacht. Abgeschickt habe ich ihn nie. Die Wahl haben
wir verloren, mit 5,5 Prozent, überrollt von einem Zweikampf zwischen Grünen und CDU, in dem
für unsere Themen kaum Platz blieb. Jetzt lese ich meine Notizen vom Abend noch einmal und
frage mich, was davon bleibt.
Der Rechtspopulismus wächst, weil er gehört wird
Die AfD hat ihr Ergebnis in Baden-Württemberg beinahe verdoppelt, auf 18,7 Prozent, bei
Arbeiterinnen und Arbeitern noch höher. Das ist kein Ausreißer. In Sachsen-Anhalt und
Mecklenburg-Vorpommern, beide im September, führt die AfD in Umfragen. Der
Rechtspopulismus wächst nicht, weil seine Antworten besser sind. Er wächst, weil er gehört
wird.
AOC hat das klar benannt: Rechtspopulismus gedeiht dort, wo die Lücke zwischen dem, was
versprochen wird und dem, was ankommt, am größten ist. Aber sie fügt etwas hinzu, das oft
übersehen wird: Es reicht nicht, die richtigen Antworten zu haben. Man muss sie so sagen
können, dass sie ankommen. Unsere Themen in Baden-Württemberg waren richtig. Wir haben
es trotzdem nicht geschafft, vorzukommen. Das ist eine kommunikative Niederlage, keine
inhaltliche. Und das macht sie schwerer zu akzeptieren.
Was AOC kann und wo sie selbst aufgehalten wird
AOC ist jemand, der beides kann: Sie weiß, wofür sie steht und sie weiß, wie sie darüber spricht.
Im Audimax monologisierte sie, argumentativ klar, sprachlich präzise, den Blick ins Publikum
gerichtet. Sie schafft es, politische Abstraktion in gelebte Erfahrung zu übersetzen und erreicht
damit Menschen, die progressiven Kräften sonst misstrauisch gegenüberstehen. Es wäre
verlockend, darin die eigentliche Lehre des Abends zu sehen: besser kommunizieren und der
Rest folgt.
Aber AOCs eigene Geschichte erzählt etwas anderes. In den letzten Jahren hat sie sich in
Richtung des demokratischen Establishments bewegt, moderater im Ton, kompromissbereiter
in der Sache. Als sie dann für eine Führungsposition in der Fraktion kandidierte, verlor sie
trotzdem gegen den 74-jährigen Amtsinhaber. Nancy Pelosi soll persönlich interveniert haben.
Das Establishment belohnt Anpassung nicht, es verwaltet sie. Kommunikation allein reicht
nicht, wenn die Strukturen dagegenstehen. Das ist schade.
Dabei hat AOC an dem Abend noch etwas anderes angesprochen, das über Kommunikation im
engeren Sinne hinausgeht. Sie sprach über Einsamkeit als politisches Problem. Nicht als
persönliches Versagen, sondern als Produkt eines Systems, das menschliche Verbindung zur
Ware macht. Gemeinschaft als Konsumerlebnis, Freundschaft als Netzwerk. Je isolierter
Menschen sind, desto leichter lassen sie sich als Einzelne ansprechen und desto schwerer fällt
es ihnen, gemeinsam zu handeln. In dieses Vakuum stoßen Bewegungen, die wenigstens das
Gefühl von Gemeinschaft versprechen. Beziehungen entstehen nicht durch Kampagnen,
sondern durch Präsenz über Zeit. Auch das ist Kommunikation, nur eine, die sich nicht in
Reichweite messen lässt.
Zynismus ist keine Antwort, aber Selbstkritik schon
AOC sprach offen darüber, wie verlockend Zynismus sein kann. Nach schwierigen Wahlen, nach
enttäuschten Erwartungen. Die Versuchung ist real: einfach weitermachen wie bisher, oder
ganz aufhören. Sie erinnerte an Occupy Wall Street, eine Bewegung ohne direkten
Gesetzgebungserfolg, die aber das politische Klima veränderte und den Boden für neue Ideen
(und Bernie Sanders‘ Präsidentschaftskampagne) bereitete. Politische Veränderung entsteht
selten in einem einzigen großen Moment.
Aber Zynismus ist das eine. Selbstkritik ist das andere. Wie bauen wir eine Kommunikation auf,
die auch dann trägt, wenn die Aufmerksamkeit woanders liegt? Wie erreichen wir Menschen, die
die AfD wählen, nicht weil sie deren Programm gut finden, sondern weil sie das Gefühl haben,
sonst nicht gehört zu werden? AOC hat darauf keine fertige Antwort. Ihr eigener Weg zeigt eher,
wie schwer es ist, auch wenn man es richtig macht. Aber vielleicht ist das die ehrlichste
Botschaft des Abends: nicht dass es einfach wird, sondern dass die Alternative, Stillstand oder
Zynismus, keine ist.
