40 Jahre Tschernobyl- Ausstieg geschafft,abhängig geblieben?
geschrieben von Rachel Sprio /// Kreisverband Tübingen, Kontra, Jusos Baden-Württemberg
40 Jahre nach der Atomkatastrophe in Tschernobyl: Deutschland ist aus der Atomkraft
ausgestiegen. Nicht jedoch aus seiner Abhängigkeit.
Zwischen Energiewende, russischem Gas, dem Krieg in der Ukraine und importiertem
Atomstrom aus europäischen Nachbarländern, stellt sich die unbequeme Frage: Wie
konsequent war Deutschlands Atomausstieg wirklich und welche neuen Abhängigkeiten sind
stattdessen entstanden?
Der Weg zur Energiewende
Die Reaktorkatastrophe vor 40 Jahren machte den GAU- den „Größten Anzunehmenden
Unfall“- zur Realität. Neben unzureichender Kommunikation, verspäteter Aufarbeitung und
fehlender Aufklärung innerhalb der ehemaligen Sowjetunion, wurde auch Europa mit der Angst
und dem Wissen konfrontiert, dass Atomstrom womöglich doch nicht so fortschrittlich,
unkompliziert und günstig ist, wie oft erklärt wurde. Doch bis aus der Angst der Bevölkerung
ein zumindest kurzfristig politischer Konsens wurde, dass Atomstrom ein zu großes Risiko
darstellt, hat es noch bis 2011, zur Nuklearkatastrophe bei Fukushima, gebraucht. Erst dann trat
die Realisation ein, dass selbst mit exzellenten Sicherheitsstandards in Deutschland und dem
Vertrauen in Wahrscheinlichkeitsanalysen, ein Atomkraftwerk nie ausnahmslos sicher sein
kann.
Abhängigkeiten aller Art: Woher kommt deutscher Strom?
2023 gingen die letzten drei Atomkraftwerke in Deutschland vom Netz- sie liefen länger als
anfänglich geplant, um die Energiekrise in Folge des Ukraine-Kriegs abzufedern. Der
Atomausstieg sollte nun formal vollzogen sein. Wie kommt es dann, dass Deutschland 2025
laut Studien des Frauenhofer-Instituts ca. 23% Atomstrom importierte?
Das liegt an der Realität vom europäischen Stromhandel: Strom wird nicht etwa aus Mangel
importiert, sondern er wird dann eingekauft, wenn er billiger ist als die Eigenproduktion. Das
begründet, warum Deutschland Nettoimporteur ist, also mehr Strom importiert als exportiert,
obwohl die Bundesrepublik rechnerisch die Kapazitäten hätte, um sich selbst zu versorgen.
Doch warum macht uns das vom Atomstrom abhängig? Deutschland ist nach wie vor Teil des
europäischen Stromnetzes. Ein Stromnetz, das aus Ländern wie Frankreich noch immer mit
Atomstrom gefüttert wird. Einen Ausstieg aus der Kernkraft kann also nicht nur bis zu den
eigenen Landesgrenzen gedacht werden.
Der Atomstrom-Irrtum: Wie unabhängig wäre Atomkraft wirklich?
Befürworter eines Weiterbetriebs deutscher Atomkraftwerke argumentieren oft mit der
Abhängigkeit von russischem Gas. Doch auch Atomkraft macht abhängig: von Uranimporten.
Russland, Kasachstan und Niger sind bis heute die Hauptlieferanten. Gebiete, die politisch
instabil und Arbeitsbedingungstechnisch mehr als nur fragwürdig sind. Ein Verbleib oder gar
eine Diskussion über den Wiedereinstieg in die Atomkraft, wie kürzlich von Jens Spahn oder
auch Söder gefordert wurde, würde also nicht weniger, sondern lediglich andere geopolitischen
Abhängigkeiten geschaffen. Und neben Erdgas aus Russland auch noch von russischem Uran
abhängig zu sein, wirkt im Angesicht des geplanten Importstopps von russischem Erdgas bis
2027 undurchdacht.
Es scheint fast schon so als ob eine Romantisierung des Atomstroms vollzogen wird.
Versorgungsunsicherheit? Da könnte man doch einfach mal kurz einen Reaktor kurzfristig in
Betrieb nehmen, solange die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht weht. Schade nur, dass
es ein Sicherheitsrisiko darstellt Reaktoren wiederholt hoch- und runterzufahren, genauso wie
es nicht möglich ist bei ausreichend Stromversorgung einen Reaktor einfach wieder
abzuschalten.
Auch ist Atomstrom nicht so billig, wie geglaubt wird. Abgesehen davon, dass ein GAU wie in
Tschernobyl unermessliche Schäden hervorrufen würde, so wird oft verdrängt, dass der Preis
von Atomstrom durch enorme Subventionen künstlich reduziert wird. Seien es
Finanzierungshilfen des Bundes, Forschungsförderung, Steuervergünstigungen in der
Energiebesteuerung, Regelungen bei den Entsorgungsrückstellungen sowie Zusatzeinnahmen
der AKW-Betreibenden durch den Emissionshandel. Konkret gesagt: Atomstrom wäre ohne
diese Subventionierungen wahrscheinlich gar nicht wettbewerbsfähig. Und noch viel
verschleiernder: die Last trägt ja am Ende der Steuerzahler. Nicht nur bei der Stromrechnung
selbst, sondern auch bei den gezahlten Steuern, die in die Subventionierung fließen. Die Kosten
der Gesellschaft bei der Sanierung, Instandhaltung oder Stilllegung, Rückbau und Entsorgung
eines Atomkraftwerkes sind in dem vermeintlich billigen Kernenergiepreisen nicht einmal
mitinbegriffen.
Warum konzentriert man sich also auf eine romantisierte Lösung, die weder wettbewerbsfähig
oder sicher ist, abhängig von einer endlichen Ressource macht und noch immer keine
Endlösung aufweist?
Die wahre Schwäche liegt nicht im Ausstieg
Tschernobyl und der Größte Anzunehmende Unfall liegen ganz fern. Auch wenn sich die
Katastrophe heute zum 40. Mal jährt, scheinen das Risiko und der unermessliche Schaden der
Kernenergie begraben unter viel näheren Problemen, außen- und innenpolitischer Natur. Die
abstrakten Folgen einer existentiellen Gefährdung der Menschheit ohne Krieg sind scheinbar
nicht mehr nahbar genug. Das bildet sich auch in einer Studie von YouGov und dem Sinus-
Institut vom 21.04.26 ab: Mehr als die Hälfte der Befragten sind der Meinung, dass der
Atomausstieg ein Fehler war. Nur 40% sind für den Ausstieg.
Dabei sind erneuerbare Energien in ebendieser Studie mit Abstand am beliebtesten. Und das ist
auch gut so: denn im Import machten erneuerbare Energien 2025 über die Hälfte des
Strommixes in Deutschland aus. In der Eigenproduktion ist Deutschland mit den erneuerbaren
Energien im ersten Quartal 26 ebenfalls auf einem guten Weg: 54,4% werden aus Windenergie,
Photovoltaik, Biomasse und Wasserkraft generiert. Erneuerbare Energien haben also ein gutes
Image und leisten mehr als je zuvor. Dennoch sind wir abhängig von Gas, Kohle und
ausländischem Atomstrom, denn natürlich sind auch Erneuerbare Energien nicht unfehlbar.
Aber eine konsequente Energiewende kann nur funktionieren, wenn Ressourcen, Forschung
und Akzeptanz weiterhin in erneuerbare Energien fließen. Die wahre Schwäche lag nie im
Ausstieg, sondern im verpassten Ausbau nicht-fossiler Energiequellen. Jeder
rückwärtsgewandte Blicke auf Atomstrom zeigt nur, wie wenig aus der Vergangenheit gelernt
wurde, wie wenig Transparenz und Ehrlichkeit in der Debatte um Kernenergie bestehen, wie
sehr romantisiert wird. Das Kapitel Atomkraft sollte geschlossen bleiben, damit
zukunftssichere und technologisch fortschrittlichere Alternativen eine wahre Chance haben.
Denn das einzig nachhaltige an Atomkraft ist der katastrophale Schaden, den sie verursacht.
geschrieben von Rachel Sprio /// Kreisverband Tübingen, Kontra, Jusos Baden-Württemberg
Quellen:
YouGov Studie https://yougov.com/de-de/artikel/54579-40-jahre-tschernobyl-atomrisikowird-
verdrangt-kaum-vorsorge-fur-ernstfall-atomkraft-bleibt-spaltthema
Q1 Stromerzeugung 2026 https://strom-report.com/strommix/
Stromimport 2025 https://strom-report.com/stromhandel/
Jens Spahn will Diskussion https://www.tagesspiegel.de/politik/voll-und-ganz-falsch-umfragezeigt-
deutliche-kritik-am-atomausstieg-15503800.html
2011 Angela Merkel https://www.bundesregierung.de/breg-de/service/newsletter-undabos/
bulletin/regierungserklaerung-von-bundeskanzlerin-dr-angela-merkel-793374
Uran-Importe https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1324546/umfrage/anteile-deruranimporte-
in-die-eu-aus-ausgewaehlten-laendern/
Endlagersuche https://www.deutschlandfunk.de/atommuell-endlager-europa-
100.html#Endlager
Zur Energiewende: https://www.agora-energiewende.de/publikationen/die-energiewende-indeutschland-
stand-der-dinge-2025#downloads
