Wie Nelken ein Regime stürzten und was wir daraus lernen können
von Elias /// Kreisverband Tübingen, Kontra, Jusos Baden-Württemberg
Es war der 25. April 1974, als in Portugal Nelken in Gewehrläufen steckten und Panzer mit Blumen geschmückt wurden. Mit einem Schlag endete die brutale Estado-Novo-Diktatur. Portugal trat in ein neues politisches Zeitalter ein und mit der Diktatur begann auch das jahrzehntelange koloniale Herrschaftssystem zu zerbrechen. Eine Revolution von links, die als friedlicher Umsturz eines brutalen, ausbeuterischen Systems in die Geschichte eingehen sollte.
Doch genau diese Erzählung wirft spannende Fragen auf: Kann eine Revolution überhaupt friedlich sein? Oder verbirgt sich mehr hinter dem Bild der Nelken?
Die Revolution von 1974 scheint eine einfache Antwort auf diese Fragen zu geben. Die Nelke im Laufe eines Gewehres ist seit jeher ein Symbol des Friedens und nicht ein Symbol der Gewalt. Und doch ist es nicht so einfach. Denn auf den Straßen standen zunächst keine friedlichen Demonstrantinnen, sondern Panzer und die bis zu den Zähnen bewaffnete Armee. Und machen wir uns keine Illusionen. Wenn ein Soldat den Abzug seines Gewehres drückt, dann hält keine Nelke dieser Welt die Kugel auf, die dann auf einen anderen Menschen fliegt. Warum eskalierte der Aufstand nicht? Was machte diese Revolution möglich? Und wann ist Protest friedlich, wann gewaltsam und wann legitim? Der Aufstand und seine politischen Folgen Portugal stand 1974 am Rande des Zusammenbruchs. Das Estado-Novo-Regime, das seit 1933 unter António de Oliveira Salazar und später Marcelo Caetano herrschte, war eine der langlebigsten Diktaturen Europas. Es stützte sich auf Zensur, die Geheimpolizei und brutale Repression. Die endlosen Kolonialkriege in Angola, Mosambik und Guinea-Bissau brachten unmenschliches Leid über die Menschen in den besetzten Gebieten. Am Abend des 24. April 1974 sollte sich das schlagartig ändern. Zunächst lief das Eurovision-Lied E Depois do Adeus im Radio. Ein erstes Signal der Revolutionäre. Kurz nach Mitternacht folgte das antifaschistische Lied Grândola, Vila Morena, welches der finale Code war, dass es losgehen sollte. Die revolutionären Armeeeinheiten rollten mit Panzern in Lissabon ein, besetzten Flughäfen, Sender und Regierungsgebäude. Die Bevölkerung, die zum Bleiben in den Häusern aufgerufen worden war, strömte jubelnd auf die Straßen. Frauen steckten rote Nelken in Gewehrläufe und an Panzer. Ein spontanes Symbol, das den Putsch in eine Volksrevolution verwandelte. Präsident Caetano kapitulierte nach 18 Stunden ohne nennenswerten Widerstand. Es gab nur vier Tote durch vereinzelte Schusswechsel. In der Nacht wurden PIDE-Agenten verhaftet und politische Gefangene aus dem Kerker von Caxias befreit. Der 25. April markierte nicht das Ende, sondern den Beginn einer turbulenten Übergangsphase. Bis 1976 prägten Massenstreiks, Fabrikbesetzungen durch Arbeiterräte, Landreformen und Enteignungen das Land. Linke Kräfte rangen um Einfluss, während das Militär als Julikomitee die Macht ausübte. Die ehemaligen portugiesischen Kolonien erhielten rasch ihre Unabhängigkeit. Erst die Verfassung von 1976 stabilisierte die Demokratie. Auch durch den starken Einfluss der SPD, die eine entscheidende Rolle bei der Gründung der Sozialistischen Partei Portugals hatte. Portugal wurde eine parlamentarische Republik, trat 1986 der Europäischen Gemeinschaft bei und modernisierte sich rasant hin zu dem Portugal, das heute ein fester Bestandteil der Europäischen Union ist. Und auch, wenn 1976 nicht alle Probleme gelöst waren und Arbeiterinnenrechte sowie Frauenrechte weiterhin gegen konservative Kräfte
erkämpft werden mussten, so markiert die Revolution der Nelken einen zentralen
Wendepunkt der portugiesischen Geschichte.
Hegemonie als Schlüssel zum Erfolg
Wann sind Revolutionen also erfolgreich? Diese Frage stellte sich bereits der italienische
Theoretiker Antonio Gramsci knapp ein halbes Jahrhundert zuvor. Hegemonie beschreibt bei
ihm die kulturelle und ideologische Vorherrschaft einer Machtelite, die primär nicht nur durch
Zwang, sondern durch Zustimmung der Gesellschaft durchgesetzt wird. Eine Art
Legitimitätsglaube der Gesellschaft in das bestehende Herrschaftssystem.
Die Estado-Novo-Diktatur kann angesichts des repressiven Charakters sicherlich nicht als
„zwanglos“ bezeichnet werden. Und dennoch macht Gramsci hier einen interessanten Punkt.
Ein System stützt sich nicht alleine auf Repressionen. Es stützt sich auf Legitimität. Es stützt
sich auf das Selbstverständnis der Menschen, dass das System schon irgendwie seine
Berechtigung hat, auch wenn es gegen die eigenen Interessen handelt. Hegemonie ist tief in
alle Lebensbereiche der Menschen verankert. Wenn die Legitimität des Systems aber infrage
gestellt wird, dann sind die Bedingungen für einen Regime Change natürlich aus der
Gesellschaft heraus gegeben.
Genau das verlor das Estado-Novo-Regime. Die Diktatur war zwar noch repressiv, aber sie
war politisch bereits ausgehöhlt. Der wahre Erfolg der Revolution lag in der spontanen
Solidarität der Zivilbevölkerung. Nelken als Zeichen der Hoffnung, jubelnde Massen auf den
Straßen, Grândola im Radio. Dem Diktator Caetano war klar, dass er diesen Kampf verloren
hatte. Die Eskalation blieb aus, und das System war gestürzt. Nicht das Militär hat diese
Revolution erfolgreich gemacht, sondern die Gesellschaft, die nicht mehr an das alte System
glaubte, sondern von einem besseren träumte.
Was sich banal anhört, ist auch für unser politisches Handeln zentral. Auch heutige
Protestbewegungen stehen vor derselben Frage: Wo endet legitimer Widerstand, wo beginnt
politische Selbstisolierung? Ob Klimabewegung, Antifaschismus oder soziale Kämpfe.
Protest gewinnt nur dann an Kraft, wenn er gesellschaftliche Zustimmung aufbaut und den
politischen Horizont verschiebt. Friedlicher Protest ist deshalb nicht harmlos. Er ist
strategisch. Er schafft Mehrheiten, verschiebt Deutungen und macht Herrschaft angreifbar.
Gewalt dagegen kann dort, wo sie keinen Rückhalt findet, schnell als Bedrohung erscheinen
und nicht als Befreiung.
Die Nelkenrevolution lehrt uns: Ohne gesellschaftliche Zustimmung siegt keine politische
Bewegung. Unseren Kampf für eine gerechte Gesellschaft gewinnen, wir nicht mit dem Kopf
durch die Wand, sondern mit Weitsicht, politstrategischem Feingefühl und Hegemonie. Wer
verändern will, muss Mehrheiten gewinnen. Das unterscheidet die Jusos von vielen anderen
links ausgerichteten politischen Kräften.
Die Nelkenrevolution gilt als friedliches Wunder. Doch hinter dem Bild der Blumen in den
Gewehrläufen steckt mehr als eine romantische Befreiungsgeschichte. ein Machtverlust des
alten Regimes, eine neue gesellschaftliche Mehrheit und die Frage, wie Revolutionen
überhaupt gelingen.
