Die Zukunft eines Landes beginnt im Kinderzimmer

Veröffentlicht von Anise Avan am

geschrieben von Anise Hatice Avan /// Kontra, Jusos Baden-Württemberg

Kinder haben keine Lobby
Sie sitzen nicht in Parlamenten, schreiben keine Gesetzesentwürfe und entscheiden nicht über staatliche Haushalte. Wenn politische Entscheidungen getroffen werden, sind sie deshalb häufig diejenigen, über die gesprochen wird, ohne dass sie selbst mitentscheiden können.
Dabei sind Kinder keine Randgruppe und Kinderpolitik ist keine nette Ergänzung sozialdemokratischer Politik. Die Frage, unter welchen Bedingungen Kinder aufwachsen, entscheidet ganz grundsätzlich darüber, wie gerecht unsere Gesellschaft ist.
Der Weltkindertag ist deshalb mehr als ein Anlass für schöne Worte über Kinder und ihre Zukunft. Er ist eine Erinnerung daran, dass Kinder eigene Rechte haben und dass diese Rechte nicht davon abhängen dürfen, wie viel Geld ihre Eltern verdienen.
Denn die Zukunft eines Landes beginnt nicht irgendwann. Sie beginnt im Kinderzimmer.
Dort entstehen Träume und Hoffnungen. Dort entwickeln Kinder ihre Persönlichkeit und lernen, was ihnen eine Gesellschaft zutraut. Aber dort werden auch soziale Unterschiede sichtbar. Während manche Kinder mit vielen Möglichkeiten aufwachsen, kämpfen andere schon früh mit Armut, fehlender Unterstützung oder mangelnden Chancen. Und genau an diesem Punkt wird Kinderpolitik zur Klassenfrage.
Nicht jedes Kind startet mit den gleichen Chancen
In Deutschland entscheidet die soziale Herkunft noch immer zu stark über den Lebensweg eines Kindes. Das ist kein Naturgesetz. Es ist das Ergebnis politischer Entscheidungen.
Ein Kind kann nichts dafür, wenn seine Eltern wenig verdienen. Es kann nichts dafür, wenn die Familie sich keine Nachhilfe leisten kann, wenn zu Hause kaum Platz zum Lernen vorhanden ist oder wenn ein gemeinsamer Kinobesuch, ein Sportverein oder eine Klassenfahrt zum finanziellen Problem wird. Trotzdem werden genau diese Unterschiede viel zu häufig als persönliches Problem behandelt.
Kinderarmut ist aber kein individuelles Versagen. Kein Kind entscheidet sich dafür, in Armut aufzuwachsen. Kein Kind entscheidet, ob die Eltern genug verdienen, ob die Miete bezahlbar ist oder ob am Ende des Monats noch Geld für Freizeit übrig bleibt.
Und trotzdem erleben Kinder die Folgen.
Kinderarmut bedeutet deshalb nicht nur weniger Geld. Sie bedeutet weniger Möglichkeiten, weniger Teilhabe und häufig auch weniger Selbstverständlichkeit im Alltag. Ein Kind sollte nicht überlegen müssen, ob es beim Ausflug mitfahren kann. Es sollte sich nicht schämen müssen, weil es die falschen Schuhe trägt. Es sollte nicht auf Sport, Musikunterricht oder andere Freizeitangebote verzichten müssen, weil das Einkommen der Eltern nicht ausreicht.
Vor allem sollte kein Kind früh lernen müssen, dass seine Möglichkeiten kleiner sind als die anderer.
Eine Gesellschaft, die solche Unterschiede hinnimmt und anschließend von Chancengleichheit spricht, macht es sich zu einfach.
Bildung darf nicht vom Geldbeutel abhängen
Kaum ein Bereich zeigt die soziale Ungleichheit so deutlich wie Bildung.
Bildung soll eigentlich ermöglichen, dass Menschen ihren eigenen Weg gehen können. In der Realität hängt der Bildungserfolg aber noch immer zu stark vom Elternhaus ab. Wer Unterstützung bekommt, einen ruhigen Arbeitsplatz hat, Nachhilfe bezahlen kann und Eltern hat, die bei schulischen Problemen helfen können, startet mit anderen Voraussetzungen als ein Kind, bei dem all das nicht selbstverständlich ist.
Das ist keine Frage individueller Leistung. Es ist eine Frage sozialer Bedingungen.
Natürlich können Eltern ihre Kinder unterstützen. Aber der Staat darf Bildung nicht auf die Frage reduzieren, was Familien privat auffangen können. Nicht jedes Kind hat Eltern, die Zeit, Geld oder die Möglichkeit haben, jede Lücke des Bildungssystems auszugleichen.
Deshalb braucht es starke öffentliche Einrichtungen.
Kitas und Schulen müssen Orte sein, an denen soziale Herkunft weniger und die eigenen Fähigkeiten mehr darüber entscheiden, welche Möglichkeiten ein Kind bekommt. Dafür braucht es ausreichend Personal, moderne Gebäude, kleinere Klassen, gute Ganztagsangebote und eine frühzeitige Unterstützung von Kindern, die zusätzliche Hilfe benötigen.
Und Bildung beginnt nicht erst mit der Einschulung.
Wer über Chancengleichheit spricht, muss über frühkindliche Bildung sprechen. Gute Kitas sind nicht bloß Betreuungseinrichtungen, damit Eltern arbeiten gehen können. Sie sind Bildungsorte. Sie schaffen soziale Teilhabe, fördern Kinder in ihrer Entwicklung und können früh auffangen, was später nur schwer nachzuholen ist.
Deshalb darf frühkindliche Bildung kein Luxus sein. Gute Betreuung muss für alle Familien erreichbar sein – unabhängig vom Einkommen.
Kinder brauchen Zeit, Sicherheit und Aufmerksamkeit
Doch gute Kinderpolitik besteht nicht allein aus Bildungsangeboten.
Kinder brauchen Zeit. Sie brauchen Sicherheit. Sie brauchen Menschen, die zuhören, wenn etwas nicht funktioniert. Und sie brauchen Räume, in denen sie einfach Kinder sein dürfen. Das klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht. Viele Familien stehen unter enormem Druck. Steigende Mieten, hohe Lebenshaltungskosten, unsichere Arbeitsverhältnisse und fehlende Betreuungsangebote belasten Eltern und damit auch Kinder. Wenn Erwachsene permanent darum kämpfen müssen, den Alltag zu organisieren und finanziell über die Runden zu kommen, bleibt häufig weniger Zeit und Kraft für das, was Kinder ebenfalls brauchen: Aufmerksamkeit, gemeinsame Zeit und Verlässlichkeit.
Deshalb ist Familienpolitik immer auch Kinderpolitik.
Wenn wir Familien entlasten, entlasten wir Kinder. Wenn wir bezahlbaren Wohnraum schaffen, schaffen wir Sicherheit. Wenn wir gute Arbeitsbedingungen ermöglichen, gewinnen Familien Zeit. Und wenn wir öffentliche Infrastruktur stärken, sorgen wir dafür, dass nicht jede Familie einzeln organisieren und bezahlen muss, was eigentlich allen zugutekommen sollte.
Eine gerechte Gesellschaft darf nicht davon ausgehen, dass sich jede Familie privat alles leisten kann.
Kinderrechte müssen im Mittelpunkt stehen
Kinder sind nicht nur zukünftige Erwachsene. Sie sind Menschen mit eigenen Rechten, heute.
Das bedeutet auch, dass Kinder stärker beteiligt werden müssen. Wenn ein Spielplatz geplant, eine Schule umgebaut oder ein Jugendzentrum geschlossen wird, sollten diejenigen gehört werden, die diese Orte nutzen. Beteiligung ist kein pädagogisches Extra. Sie ist gelebte Demokratie.
Wer möchte, dass junge Menschen Verantwortung übernehmen, muss ihnen auch zutrauen, ihre Meinung zu äußern. Kinder und Jugendliche müssen deshalb mehr Möglichkeiten bekommen, ihre Perspektiven einzubringen: in der Schule, in der Kommune und in der Politik. Nicht jede Entscheidung kann und muss von Kindern getroffen werden. Aber politische Entscheidungen sollten nicht über ihre Köpfe hinweg getroffen werden, wenn sie unmittelbar ihr Leben betreffen.
Denn Demokratie beginnt nicht mit 18.
Sie beginnt dort, wo junge Menschen erfahren, dass ihre Stimme zählt.
Kinderpolitik ist Investitionspolitik
Wer bei Kindern spart, spart nicht wirklich.
Jeder Euro, der heute in Bildung, Betreuung, soziale Sicherheit und Teilhabe investiert wird, schafft bessere Chancen für morgen. Umgekehrt werden Probleme teurer, wenn sie zu lange ignoriert werden: Bildungsabbrüche, gesundheitliche Belastungen, soziale Ausgrenzung und fehlende Perspektiven verschwinden nicht einfach, nur weil man sie nicht sehen möchte. Deshalb müssen wir Kinderpolitik auch als Investition in unsere Gesellschaft verstehen.
Es geht um mehr als Sozialausgaben. Es geht um die Frage, welche Gesellschaft wir sein wollen.
Wollen wir in einem Land leben, in dem der Geldbeutel der Eltern darüber entscheidet, welche Möglichkeiten ein Kind hat?
Oder wollen wir in einem Land leben, in dem jedes Kind die Chance bekommt, seine Fähigkeiten zu entdecken und seinen eigenen Weg zu gehen?
Die Antwort darauf sollte eigentlich selbstverständlich sein.
Eine gute Zukunft beginnt mit guten Bedingungen heute
Wir sprechen oft über die Zukunft unseres Landes. Über wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit, Fachkräfte, Innovation und den demografischen Wandel. All das ist wichtig.
Aber manchmal vergessen wir dabei, wer diese Zukunft einmal gestalten soll.
Es sind die Kinder, die heute in unseren Kitas sitzen. Die Schülerinnen und Schüler, die morgen ihre Ausbildung beginnen. Die Jugendlichen, die heute vielleicht noch gar nicht wissen, welchen Weg sie einmal einschlagen werden. Wir können nicht von ihnen erwarten, dass sie morgen eine starke Gesellschaft tragen, wenn wir ihnen heute nicht die notwendigen Chancen geben. Deshalb muss Kinderpolitik aus der Ecke der freiwilligen Zusatzaufgaben heraus. Sie gehört ins Zentrum politischer Entscheidungen.
Jede Investition in eine Kita ist eine Investition in Bildung. Jede Unterstützung für eine Familie ist eine Investition in soziale Sicherheit. Jeder sanierte Schulhof ist eine Investition in Lebensqualität. Jede Beteiligungsmöglichkeit für Jugendliche ist eine Investition in Demokratie. Und jeder Schritt gegen Kinderarmut ist ein Schritt hin zu einer gerechteren Gesellschaft.
Der Weltkindertag erinnert uns daran, dass Kinder Rechte haben. Aber diese Rechte dürfen nicht nur an einem Tag im Jahr gefeiert werden. Sie müssen jeden Tag Grundlage politischen Handelns sein.
Denn kein Kind darf davon abhängig sein, in welcher Familie es geboren wird, in welchem Stadtteil es aufwächst oder wie viel Geld am Ende des Monats auf dem Konto der Eltern bleibt.
Wir sollten Kindern nicht erst irgendwann eine gute Zukunft versprechen.
Wir müssen sie ihnen heute ermöglichen.
Denn die Zukunft eines Landes beginnt nicht im Parlament.
Sie beginnt im Kinderzimmer.

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